ESSAY · GESELLSCHAFT · SPRACHE
Die Erzählungen unseres Kanzlers
Friedrich Merz, seine Rhetorik – und was sie mit uns macht.
Politik besteht aus Zahlen, Gesetzen, Haushalten und Verordnungen. Aber Politik besteht auch aus Geschichten.
Geschichten darüber, warum es einem Land gut oder schlecht geht. Wer seinen Wohlstand erarbeitet. Wer ihn gefährdet. Wer etwas beiträgt. Wer etwas bekommt. Wer dazugehört. Wer sich anstrengt. Wer angeblich zu wenig leistet. Und schließlich auch darüber, wer für Probleme verantwortlich ist.
Friedrich Merz erzählt solche Geschichten.
Seit Jahren.
- „Sozialtourismus“
- „kleine Paschas“
- „grüne und linke Spinner“
- „Stadtbild“
- „Work-Life-Balance“
- „Lifestyle“
- „Nörgler“
Manchmal mit einem Bild: Asylbewerber, die beim Zahnarzt sitzen und sich „die Zähne neu machen“, während deutsche Bürger keine Termine bekommen.
Manchmal mit einer Frage: „Ist das wirklich notwendig?“ Gemeint sind Krankheitstage von Arbeitnehmern.
Manchmal mit einer gesellschaftlichen Diagnose: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“
Und manchmal braucht es kaum noch Interpretation: „Grüne und linke Spinner.“ Oder: „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, Empörte, Berufskritiker: wegtreten.“
Jeden dieser Sätze kann man einzeln betrachten. Man kann den Kontext erklären. Man kann ein legitimes politisches Problem dahinter identifizieren. Man kann sagen: zugespitzt. Unglücklich formuliert. Aus dem Zusammenhang gerissen. Wahlkampf. Polemik. Missverständlich.
Das sollte man sogar tun, wenn man Friedrich Merz fair kritisieren will.
Wie oft kann ein hochprofessioneller Politiker versehentlich dieselbe Art von Geschichte erzählen, bevor man darüber nachdenken muss, ob nicht genau diese Geschichte beabsichtigt ist?
Es beginnt mit einem Verdacht
Im September 2022 spricht Friedrich Merz über Menschen, die vor dem russischen Angriffskrieg aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind.
Er behauptet, es gebe einen „Sozialtourismus“ zwischen Deutschland und der Ukraine und eine größere Zahl von Menschen mache sich das deutsche Sozialsystem zunutze.
Belastbare Belege für einen massenhaften Missbrauch gab es dafür nicht. Recherchen von WDR und ARD-Faktenfinder zeigten vielmehr, dass entsprechende Erzählungen zuvor über prorussische und rechtsextreme Kanäle verbreitet worden waren. Die Bundesagentur für Arbeit hatte keine Anhaltspunkte für einen solchen massenhaften Leistungsmissbrauch. Merz entschuldigte sich später für seine Wortwahl. ARD-Faktenfinder ↗
Damit könnte die Geschichte beendet sein.
Ein Politiker formuliert zu scharf, erkennt seinen Fehler und korrigiert ihn.
Aber sie endet nicht.
Wenige Monate später kommen die „kleinen Paschas“.
Nach den Silvesterkrawallen 2022/23 beschreibt Merz Konflikte an Schulen mit Kindern aus migrantischen Familien. Insbesondere Jungen würden Lehrerinnen teilweise nicht respektieren. WDR / MONITOR ↗
Auch hinter dieser Aussage existiert ein reales Problem. Es gibt patriarchale Familienbilder. Es gibt Integrationsprobleme. Es gibt Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber Lehrkräften. Man muss darüber reden können.
Aber „kleine Paschas“ analysiert keines dieser Probleme.
Der Begriff macht etwas anderes.
Er erzeugt ein Bild.
Aus individuellen Kindern mit individuellem Verhalten wird ein kultureller Typus: migrantisch, männlich, respektlos, patriarchal, nicht richtig integriert.
Die Geschichte bekommt eine Figur.
Dann sitzt jemand beim Zahnarzt
Im September 2023 wird die Methode noch anschaulicher.
Merz sagt über abgelehnte Asylbewerber:
Friedrich Merz · 2023„Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.“
Der ARD-Faktenfinder überprüfte sowohl die Aussage als auch die tatsächlichen Leistungsansprüche von Asylbewerbern. ARD-Faktenfinder ↗
Es ist ein nahezu perfektes politisches Bild.
Hier sitzt derjenige, der eigentlich gar nicht im Land sein sollte. Dort der deutsche Bürger. Der eine bekommt etwas. Der andere nicht.
Und zwischen beiden scheint ein unmittelbarer Zusammenhang zu bestehen.
Nur lässt sich genau dieser Zusammenhang nicht belegen.
Asylbewerber haben nicht automatisch Anspruch auf die von Merz suggerierte umfassende zahnmedizinische Versorgung. Ebenso wenig ist belegt, dass ihnen gewährte Behandlungen dafür verantwortlich sind, dass andere Patienten keine Termine erhalten.
Aber die Geschichte funktioniert auch ohne diesen Nachweis.
Vielleicht sogar besser.
Denn sie aktiviert einen der ältesten politischen Reflexe überhaupt:
Der bekommt etwas, was eigentlich dir zusteht.
Aus einem Problem von Gesundheitsversorgung, Ärztemangel, Terminorganisation und Migrationspolitik wird damit ein Verteilungskonflikt zwischen Menschen.
Und einer von ihnen scheint schuld zu sein.
Die Vernünftigen und die „Spinner“
Beim Abschluss des Bundestagswahlkampfs am 22. Februar 2025 richtet sich die Abgrenzung gegen eine andere Gruppe.
Merz kündigt an, wieder Politik für die Mehrheit zu machen, die „gerade denke“ und „alle Tassen im Schrank“ habe.
Friedrich Merz · 2025„für irgendwelche grünen und linken Spinner auf dieser Welt“
Der Wortlaut wurde von der Tagesschau dokumentiert. Tagesschau ↗
Natürlich ist Wahlkampf polemisch. Ein Kanzlerkandidat darf grüne oder linke Politik für grundfalsch halten und das deutlich sagen.
Aber „Spinner“ kritisiert keine Politik.
Es kategorisiert Menschen.
Noch interessanter ist der Satz davor. Die eigene politische Mehrheit besteht aus denjenigen, die „gerade denken“ und „alle Tassen im Schrank“ haben. Danach folgen die „grünen und linken Spinner“.
Die politische Differenz wird damit zu einer Differenz der Vernunft.
Wir sind nicht einfach unterschiedlicher Meinung. Wir sind vernünftig. Die anderen spinnen.
Auch das ist eine Geschichte.
Und auch sie teilt Menschen ein.
Aus dem Kanzlerkandidaten wird der Kanzler
Am 6. Mai 2025 wird Friedrich Merz Bundeskanzler.
Damit verändert sich seine Rolle.
Ein Oppositionsführer darf provozieren. Ein Parteivorsitzender darf mobilisieren. Ein Wahlkämpfer darf zuspitzen.
Ein Bundeskanzler bleibt selbstverständlich Parteipolitiker. Aber er ist gleichzeitig Regierungschef eines ganzen Landes.
Man könnte deshalb erwarten, dass sich die Sprache verändert.
Sie verändert sich tatsächlich.
Die Gruppen wechseln.
Das Prinzip weniger.
Die Erzählung vom Land, das nicht genug arbeitet
Kurz nach seinem Amtsantritt fordert Merz, in Deutschland wieder mehr und effizienter zu arbeiten.
Friedrich Merz · 2025„Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“
Die Aussage löste eine breite Debatte über Arbeitszeit und Produktivität aus. Tagesschau / SWR ↗
Wieder steckt hinter der Aussage ein reales Problem.
Deutschland altert. Fachkräfte fehlen. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen ist relevant. Produktivität ist relevant. Die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme ist relevant.
Aber aus einer komplizierten volkswirtschaftlichen Gleichung entsteht wieder eine Geschichte über Verhalten.
Wir arbeiten nicht genug.
Und mit „Work-Life-Balance“ erhält auch dieses Problem eine menschliche Figur: den Arbeitnehmer, der offenbar zu sehr an Freizeit denkt.
Dabei entsteht Teilzeit nicht nur aus Freizeitwünschen.
Menschen betreuen Kinder. Sie pflegen Angehörige. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit wegen gesundheitlicher Belastungen. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten begrenzen Erwerbsarbeit. Steuer- und Abgabensysteme können zusätzliche Arbeitsstunden unattraktiv machen.
Das alles sind strukturelle Fragen.
„Work-Life-Balance“ macht daraus eine Mentalitätsfrage.
Dann kommen die 5,6 Millionen
Beim Bürgergeld geschieht etwas Ähnliches.
Friedrich Merz · 2025„Das kann so nicht bleiben: 5,6 Millionen Menschen im Bürgergeld.“
Fairerweise gehört dazu: Merz sagte ausdrücklich, er mache den Menschen, die bestehende Möglichkeiten nutzten, keine Vorwürfe. Sein Vorwurf richte sich gegen die Ausgestaltung des Systems. ZDFheute ↗
Das ist eine wichtige Differenzierung.
Aber auch hier funktioniert die Erzählung über eine Zahl:
5,6 Millionen.
Diese Zahl bedeutet keineswegs 5,6 Millionen arbeitsfähige Erwachsene, die sich entschieden haben, nicht zu arbeiten.
Unter den Leistungsbeziehenden befinden sich Kinder, Erwerbstätige mit ergänzendem Bürgergeld, Menschen in Ausbildung oder Qualifizierung sowie Menschen, die wegen Betreuung, Pflege oder Krankheit dem Arbeitsmarkt nicht unmittelbar zur Verfügung stehen. BR24 Faktenfuchs ↗
Die Zahl erzeugt trotzdem ein Bild:
Millionen Menschen befinden sich im „Transfersystem“.
Und wir müssen sie dort herausbekommen.
Das „Stadtbild“
Dann kommt Oktober 2025.
Und möglicherweise der folgenreichste Begriff dieser ganzen Erzählung.
Friedrich Merz · 2025„Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem.“
Der Satz fiel unmittelbar im Zusammenhang mit sinkenden Asylantragszahlen und geplanten Rückführungen. Tagesschau ↗
Nach heftigen Reaktionen verweist Merz auf Kinder und Töchter. Später präzisiert er seine Aussage: Menschen mit Migrationshintergrund seien ein unverzichtbarer Bestandteil des deutschen Arbeitsmarktes. Probleme bereiteten ihm Menschen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus und Arbeit, die sich nicht an die geltenden Regeln hielten. Bundesregierung ↗
Auch diese Präzisierung gehört zur Wahrheit.
Aber sie löst das ursprüngliche Problem nicht.
Ein Aufenthaltsstatus ist nicht sichtbar.
Eine Arbeitserlaubnis ist nicht sichtbar.
Eine Vorstrafe ist nicht sichtbar.
Ob jemand Steuern bezahlt, ist nicht sichtbar.
Ob jemand Deutscher ist, ist nicht sichtbar.
Was sichtbar ist, sind Menschen.
Hautfarbe. Kleidung. Sprache. Aussehen.
Wer ein juristisches und kriminalpolitisches Problem mit einem „Stadtbild“ verbindet, macht es optisch wahrnehmbar.
Plötzlich kann man das Problem sehen.
Oder zumindest glauben, es sehen zu können.
Und damit kann jeder Mensch, der als „fremd“ wahrgenommen wird, zum sichtbaren Stellvertreter eines Problems werden, mit dem er persönlich überhaupt nichts zu tun hat.
Natürlich darf über irreguläre Migration, fehlgeschlagene Integration und Kriminalität gesprochen werden.
Gerade dann wäre sprachliche Präzision entscheidend.
Straftäter sind Straftäter.
Ausreisepflichtige sind Ausreisepflichtige.
Menschen ohne Aufenthaltsrecht sind Menschen ohne Aufenthaltsrecht.
Keine dieser Kategorien heißt „Stadtbild“.
Jetzt müssen sich sogar die Kranken erklären
Januar 2026.
Merz spricht über durchschnittlich 14,5 Krankheitstage und fragt:
Friedrich Merz · 2026„Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Die Aussagen wurden von ZDFheute dokumentiert. ZDFheute ↗
Wieder ist die Ausgangsfrage legitim.
Ein hoher Krankenstand kostet Unternehmen und Volkswirtschaft Geld. Missbrauch von Krankschreibungen darf untersucht werden. Auch die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung darf politisch diskutiert werden.
Interessant ist erneut die Perspektive.
Man könnte fragen: Warum sind Menschen krank?
Welche Rolle spielen Infektionswellen, psychische Belastungen, Arbeitsverdichtung, Personalmangel und eine alternde Erwerbsbevölkerung?
Welche Rolle spielt die vollständigere statistische Erfassung von Arbeitsunfähigkeiten?
Merz fragt:
Ist das notwendig?
Damit verschiebt sich die Beweislast.
Nicht mehr die Arbeitswelt muss sich erklären.
Der Kranke muss sich erklären.
Leistung oder Lifestyle
Im Februar 2026 sagt Merz beim Politischen Aschermittwoch:
Friedrich Merz · 2026„Lifestyle und Vier-Tage-Woche. Alles schön, kann man alles machen.“
Danach fordert er eine neue Leistungsbereitschaft, um den Wohlstand zu erhalten. ZDFheute ↗
Hier stehen die Begriffe beinahe mustergültig nebeneinander.
Lifestyle.
Und:
Leistung.
Das eine klingt nach persönlichem Vergnügen.
Das andere nach gesellschaftlicher Verantwortung.
Damit wird eine ökonomische Frage moralisch.
Denn Deutschland hat tatsächlich ein Problem mit Arbeitsanreizen
Die OECD kommt in ihrem Wirtschaftsbericht für Deutschland 2025 tatsächlich zu dem Ergebnis, dass die effektive Besteuerung von Arbeit in Deutschland hoch ist und dadurch Arbeitsanreize vermindert werden.
Gleichzeitig stellt sie fest, dass Einnahmen aus der Besteuerung von Grundeigentum, Kapitalerträgen und Erbschaften im OECD-Vergleich relativ niedrig sind. Sie empfiehlt deshalb unter anderem, die Belastung von Arbeit zu reduzieren und die Steuerbasis stärker auf andere Bereiche zu verlagern. OECD ↗
Damit existiert eine völlig andere Erzählung über dasselbe Problem.
Erzählung eins: Menschen arbeiten zu wenig, weil Sozialleistungen, Teilzeit und Work-Life-Balance falsche Anreize setzen.
Erzählung zwei: Zusätzliche Arbeit wird in Deutschland stark mit Steuern und Sozialabgaben belastet und strukturelle Bedingungen erschweren eine Ausweitung der Erwerbsarbeit.
Beide Erzählungen können einen wahren Kern besitzen.
Politisch macht es aber einen erheblichen Unterschied, welche davon ständig erzählt wird.
Und was ist mit denen ganz oben?
2025 wurden in Deutschland Vermögensübertragungen durch Erbschaften und Schenkungen von 141,1 Milliarden Euro steuerlich erfasst.
Die festgesetzte Erbschaft- und Schenkungsteuer erreichte 21,4 Milliarden Euro. Destatis ↗
Allein übertragenes Betriebsvermögen belief sich auf 25,6 Milliarden Euro. 9,8 Milliarden Euro davon entfielen auf sogenannte Großerwerbe von mehr als 26 Millionen Euro.
Und dann gibt es noch eine interessante Zahl:
3,7 Milliarden Euro.
So viel Erbschaft- und Schenkungsteuer wurde 2025 allein im Rahmen der sogenannten Verschonungsbedarfsprüfung erlassen. Destatis ↗
Das ist legal.
Und es gibt dafür wirtschaftspolitische Argumente. Familienunternehmen sollen beispielsweise nicht zerschlagen werden, nur weil beim Generationenwechsel Erbschaftsteuer anfällt.
Diese Argumente muss man ernst nehmen.
Die OECD tut das – und kommt trotzdem zu einem kritischen Ergebnis.
Sie beziffert die Steuervergünstigungen für Betriebsvermögen einschließlich Unternehmensanteilen auf bis zu zehn Milliarden Euro jährlich und bezeichnet sie als stark regressiv. OECD ↗
Daneben steht eine andere Zahl:
29,1 Milliarden Euro gab der Bund 2025 für Bürgergeld aus. BMF ↗
Diese Zahlen darf man nicht einfach gegeneinander aufrechnen.
Bürgergeld ist eine Ausgabe zur Existenzsicherung. Eine Steuervergünstigung bedeutet den Verzicht auf potenzielle Einnahmen. Beide erfüllen unterschiedliche Funktionen.
Genau diese Differenzierung ist notwendig.
Aber dann sollte sie für beide Seiten gelten.
Nach unten wird moralisiert.
Nach oben wird ökonomisiert.
Nach unten wird moralisiert, nach oben ökonomisiert
Hier liegt für mich der Kern dieser Erzählung.
Wenn ein Bürgergeldempfänger auf staatliche Regeln reagiert, sprechen wir über Arbeitsanreize, Transfersysteme und Leistungsbereitschaft.
Wenn ein Arbeitnehmer seine Arbeitszeit reduziert, heißt es „Lifestyle“.
Wenn Beschäftigte krank sind, lautet die Frage: „Ist das wirklich notwendig?“
Wenn sehr große Vermögen steuerliche Ausnahmeregelungen nutzen, sprechen wir dagegen über Unternehmensnachfolge, Liquidität, Investitionsbedingungen und Wettbewerbsfähigkeit.
Diese Begriffe sind nicht falsch.
Aber warum gelten die ökonomischen Erklärungen so zuverlässig oben – und die moralischen Erklärungen so häufig unten?
Warum wird beim Bürgergeldempfänger nach seinem Verhalten gefragt und beim Millionenerben nach den Rahmenbedingungen?
Warum heißt es beim Arbeitnehmer „Leistung“, beim Vermögenden aber „Investitionsanreiz“?
Ein kleines Gedankenexperiment
Stellen wir uns vor, Friedrich Merz würde über große Vermögen genauso sprechen wie über Arbeitnehmer und Transferempfänger.
3,7 Milliarden Euro erlassene Erbschaft- und Schenkungsteuer?
„Ist das wirklich notwendig?“Bis zu zehn Milliarden Euro jährliche Steuervergünstigungen für Betriebsvermögen?
„Das kann so nicht bleiben.“Legale steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten?
„Wir müssen die Anreize verändern.“Ein Mensch erbt ein Vermögen von 50 Millionen Euro, ohne es selbst erarbeitet zu haben?
„Wir brauchen wieder mehr Leistungsbereitschaft.“Das wäre polemisch.
Es würde Menschen pauschalisieren.
Und es wäre teilweise unfair.
Genau das ist der Punkt.
Uns fallen diese Formulierungen sofort als ungewöhnlich auf, weil wir gewohnt sind, dass über wirtschaftlich Mächtige anders gesprochen wird.
Nicht moralisch.
Ökonomisch.
Das bedeutet nicht: Die Reichen sind schuld
Hier darf die Kritik nicht selbst in dieselbe Falle geraten.
Es wäre genauso billig, den Bürgergeldempfänger einfach durch den Millionär als gesellschaftlichen Sündenbock zu ersetzen.
Unternehmer schaffen Arbeitsplätze. Kapital ermöglicht Investitionen. Familienunternehmen können enorme gesellschaftliche Stabilität schaffen.
Vermögen ist nicht unmoralisch.
Erben ist nicht unmoralisch.
Teilzeit ist nicht unmoralisch.
Bürgergeld ist nicht unmoralisch.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer ist der Böse?
Warum suchen wir überhaupt ständig nach einem?
Genau darin liegt die Macht der Erzählung
Komplexe gesellschaftliche Probleme sind schwer auszuhalten.
Produktivität ist kompliziert.
Demografie ist kompliziert.
Migration ist kompliziert.
Steuerrecht ist kompliziert.
Arbeitsmärkte sind kompliziert.
Vermögensverteilung ist kompliziert.
Die Finanzierung eines Sozialstaates mit mehr als 80 Millionen Menschen ist kompliziert.
Geschichten sind einfacher.
Geschichten brauchen Figuren.
Also entsteht der Bürgergeldempfänger.
Der kleine Pascha.
Der Asylbewerber beim Zahnarzt.
Der Migrant im Stadtbild.
Der Arbeitnehmer mit seiner Work-Life-Balance.
Der Teilzeitbeschäftigte mit seinem Lifestyle.
Der Kranke mit seinen 14,5 Fehltagen.
Und schließlich diejenigen, die widersprechen.
Die Spinner.
Die Nörgler.
Die Berufskritiker.
Plötzlich besitzt jedes abstrakte Problem ein Gesicht.
Und auffallend häufig befindet sich dieses Gesicht gesellschaftlich weiter unten als derjenige, der über es spricht.
Und dann sollen die Nörgler wegtreten
Am 4. Juli 2026 sagt Friedrich Merz:
Friedrich Merz · 2026„Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, Empörte, Berufskritiker: wegtreten.“
Der Kontext ist bemerkenswert. Merz hatte unmittelbar zuvor angekündigt, eine freundlichere Botschaft nun in eine „unfreundliche Version“ zu übersetzen. ZDFheute ↗
Es war also kein Versprecher.
Die Unfreundlichkeit war beabsichtigt.
Und vielleicht ist gerade deshalb dieser Satz ein geeigneter Schlusspunkt der bisherigen Entwicklung.
Denn inzwischen richtet sich die Kategorisierung nicht mehr nur gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen.
Jetzt kann auch der Kritiker selbst zur Kategorie werden.
Nörgler.
Empörter.
Berufskritiker.
Wegtreten.
Ist das Absicht?
Das ist die schwierigste Frage.
Wir können Friedrich Merz nicht in den Kopf schauen.
Wir können nicht beweisen, dass er sich hinsetzt und beschließt, eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe abzuwerten.
Eine solche Behauptung wäre unseriös.
Aber wir können beobachten.
Friedrich Merz ist kein politischer Anfänger. Er war Fraktionsvorsitzender, Wirtschaftsanwalt, Aufsichtsratsvorsitzender, Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat. Heute ist er Bundeskanzler.
Er verfügt über jahrzehntelange politische Erfahrung und einen professionellen Kommunikationsapparat.
Er hat erlebt, was „Sozialtourismus“ ausgelöst hat. Danach kamen die „kleinen Paschas“. Danach die Zähne. Danach die Spinner. Danach Work-Life-Balance. Danach Bürgergeld. Danach Stadtbild. Danach die Töchter. Danach Krankheitstage. Danach Lifestyle. Danach Nörgler.
Irgendwann wird die These des permanenten sprachlichen Missgeschicks selbst erklärungsbedürftig.
Man muss Merz keinen Vorsatz als Tatsache unterstellen.
Aber man darf fragen:
Wenn ein professioneller Politiker die Wirkung einer bestimmten Sprache kennt und sie trotzdem immer wieder verwendet – gehört ihre Wirkung dann möglicherweise zu ihrem Zweck?
Denn diese Sprache funktioniert
Sie erzeugt Aufmerksamkeit.
Sie schafft Schlagzeilen.
Sie zwingt politische Gegner zur Reaktion.
Sie verschiebt Debatten.
Und vor allem erzeugt sie ein intuitiv verständliches Gesellschaftsbild.
Auf der einen Seite stehen Menschen, die arbeiten, leisten, Regeln beachten, das Land tragen und vernünftig sind.
Auf der anderen Seite erscheinen Menschen im Transfersystem, Menschen, die vermeintlich zu wenig arbeiten, Menschen mit zu viel Work-Life-Balance, Menschen im Stadtbild, Menschen mit möglicherweise nicht notwendigen Krankheitstagen – und diejenigen, die widersprechen.
Diese Gruppen sind nicht identisch.
Merz setzt sie auch nicht ausdrücklich gleich.
Aber sie erfüllen in unterschiedlichen Debatten eine ähnliche Funktion:
Sie erklären, warum etwas nicht funktioniert.
Und was macht das mit uns?
Vielleicht ist das die wichtigere Frage als diejenige, was Friedrich Merz persönlich beabsichtigt.
Politische Sprache verändert Wahrnehmung.
Wenn oft genug darüber gesprochen wird, dass Bürgergeld falsche Anreize setzt, schauen wir irgendwann anders auf den Menschen, der Bürgergeld erhält.
Nicht zuerst: Was ist passiert?
Sondern: Warum arbeitet der nicht?
Wenn Migration immer wieder mit einem problematischen „Stadtbild“ verbunden wird, schauen Menschen möglicherweise anders auf diejenigen, die sie für Migranten halten.
Nicht: Wer ist dieser Mensch?
Sondern vielleicht: Gehört der hierher?
Wenn ständig über Krankheitstage und Leistungsbereitschaft gesprochen wird, verändert sich möglicherweise auch der Blick auf die Kollegin, die zum dritten Mal fehlt.
Nicht: Hoffentlich geht es ihr bald besser.
Sondern: Schon wieder krank?
Wenn Teilzeit als Lifestyle erzählt wird, verändert sich der Blick auf den Kollegen, der um 14 Uhr geht.
Vielleicht pflegt er seinen Vater. Vielleicht holt er sein Kind ab. Vielleicht ist er gesundheitlich belastet.
Wir wissen es nicht.
Aber die Geschichte liefert bereits eine Erklärung.
Lifestyle.
Und wenn Kritik irgendwann als Nörgelei gilt, verändert sich schließlich auch unser Verhältnis zum Widerspruch.
Das ist die eigentliche politische Wirkung
Politische Rhetorik muss niemandem ausdrücklich sagen: Verachte diesen Menschen.
Das wäre viel zu plump.
Sie kann etwas viel Wirksameres tun.
Sie kann Kategorien bereitstellen.
Bürgergeldempfänger. Sozialtourist. Pascha. Stadtbild. Lifestyle. Nörgler.
Und irgendwann beginnen wir, Menschen durch diese Kategorien zu betrachten.
Das ist der Moment, in dem politische Sprache gesellschaftliche Wirklichkeit verändert.
Nicht weil jeder Friedrich Merz glaubt.
Nicht weil jeder seine Politik unterstützt.
Sondern weil seine Begriffe Teil unserer Debatte geworden sind.
Wir streiten plötzlich darüber, ob das „Stadtbild“ tatsächlich ein Problem ist.
Wir diskutieren, ob die Deutschen zu wenig arbeiten.
Wir fragen, ob Krankheitstage notwendig sind.
Damit hat die Erzählung bereits etwas erreicht:
Sie bestimmt die Frage.
Und wer die Frage bestimmt, bestimmt einen erheblichen Teil der möglichen Antworten.
Vielleicht sollten wir deshalb andere Fragen stellen
Nicht nur: Warum arbeitet der Bürgergeldempfänger nicht?
Sondern: Warum reicht das Einkommen mancher Vollzeitbeschäftigten kaum zum Leben?
Nicht nur: Warum arbeitet die Teilzeitkraft nicht länger?
Sondern: Wer betreut ihre Kinder, pflegt ihre Eltern und erledigt die unbezahlte Arbeit?
Nicht nur: Sind 14,5 Krankheitstage wirklich notwendig?
Sondern: Warum werden Menschen krank – und was könnten bessere Arbeitsbedingungen daran ändern?
Nicht nur: Welche Anreize setzt Bürgergeld?
Sondern: Welche Anreize setzt unser Steuerrecht für Arbeit, Kapital und große Vermögen?
Nicht nur: Was kostet der Sozialstaat?
Sondern: Wer finanziert ihn – und wer könnte entsprechend seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit welchen Beitrag leisten?
Nicht nur: Wer bekommt etwas vom Staat?
Sondern: Auf welche Einnahmen verzichtet der Staat – und warum?
Nicht nur: Wer prägt unser Stadtbild?
Sondern: Wie schaffen wir Sicherheit, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt, ohne Millionen Menschen unter einen diffusen Verdacht zu stellen?
Und vielleicht vor allem nicht: Wer ist schuld?
Was ist die Ursache?
Unser Kanzler erzählt Geschichten
Das ist nicht außergewöhnlich.
Alle Politiker tun das.
Progressive erzählen Geschichten. Konservative erzählen Geschichten. Linke erzählen Geschichten. Rechte erzählen Geschichten.
Auch dieser Text erzählt eine.
Deshalb sollte man ihm genauso kritisch begegnen.
Aber Friedrich Merz besitzt als Bundeskanzler eine besondere Macht, seine Erzählungen in den öffentlichen Raum zu setzen.
Und deshalb darf man von ihm besondere Präzision verlangen.
Nicht weniger Klarheit.
Nicht weniger Streit.
Nicht weniger Mut, Probleme anzusprechen.
Sondern mehr Genauigkeit darin, wer tatsächlich für welches Problem verantwortlich ist.
Denn zwischen der Beschreibung eines gesellschaftlichen Problems und der Beschreibung problematischer Menschen liegt manchmal nur ein einziges Wort.
- „Sozialtourismus“
- „Pascha“
- „Stadtbild“
- „Lifestyle“
- „Spinner“
- „Nörgler“
Ein einzelnes dieser Worte kann ein Ausrutscher sein.
Zwei vielleicht auch.
Bei einer jahrelangen Folge darf man anfangen, nach dem Muster zu fragen.
Und wenn das Muster immer wieder diejenigen moralisch vermisst, die wenig Macht besitzen, während wirtschaftliche Privilegien überwiegend in der nüchternen Sprache von Anreizen, Investitionen und Rahmenbedingungen verhandelt werden, darf man noch eine zweite Frage stellen:
Warum verläuft die moralische Prüfung so auffällig oft von oben nach unten?
Vielleicht ist das die eigentliche Erzählung unseres Kanzlers.
Nicht, dass Deutschland keine strukturellen Probleme hätte. Die hat es.
Nicht, dass Sozialstaat, Migration, Arbeitsmarkt oder Krankenstand keiner Reform bedürften. Darüber muss gestritten werden.
Die Erzählung liegt darin, wo wir zuerst nach der Ursache suchen sollen.
Beim Arbeitslosen. Beim Transferempfänger. Beim Migranten. Beim Kranken. Beim Teilzeitbeschäftigten. Beim Kritiker.
Bei denjenigen, die sich erklären sollen.
Und viel seltener bei den Strukturen, Besitzverhältnissen und Privilegien, die gesellschaftliche Wirklichkeit ebenfalls prägen.
Das ist eine politische Entscheidung.
Vielleicht sogar eine bewusste.
Beweisen können wir das nicht.
Aber nach Jahren derselben rhetorischen Richtung müssen wir auch nicht mehr so tun, als wäre jedes neue Beispiel vollkommen überraschend.
Die entscheidende Frage ist deshalb inzwischen nicht mehr: Hat Friedrich Merz das wirklich so gemeint?
Sondern:
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihr Bundeskanzler immer wieder genau diese Geschichten über sie erzählt?
Denn irgendwann erzählen wir sie weiter.
Und irgendwann merken wir vielleicht nicht mehr, dass es Geschichten sind.
Quellen und weiterführende Informationen
- ARD-Faktenfinder: „Sozialtourismus“ und ukrainische Geflüchtete ↗
- WDR / MONITOR: Silvesterkrawalle und Integrationsdebatte ↗
- ARD-Faktenfinder: Zahnarzt-Aussage über Asylbewerber ↗
- Tagesschau: „Grüne und linke Spinner“ ↗
- Tagesschau / SWR: Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance ↗
- ZDFheute: Bürgergeld und Sozialstaat ↗
- BR24 Faktenfuchs: Bürgergeld-Aussagen im Kontext ↗
- Tagesschau: „Stadtbild“-Aussage ↗
- Bundesregierung: spätere Präzisierung der „Stadtbild“-Aussage ↗
- ZDFheute: Krankenstand und Telefonkrankschreibung ↗
- ZDFheute: Lifestyle, Vier-Tage-Woche und Leistung ↗
- ZDFheute: „Nöler, Nörgler … wegtreten“ im Kontext ↗
- Statistisches Bundesamt: Erbschaft- und Schenkungsteuer 2025 ↗
- Bundesministerium der Finanzen: Bundeshaushalt 2025 ↗
- OECD-Wirtschaftsberichte: Deutschland 2025 ↗
Dieser Beitrag ist ein persönlicher politischer Essay. Dokumentierte Aussagen und statistische Angaben sind über die jeweiligen Quellen nachvollziehbar. Die Analyse der rhetorischen Muster und ihrer möglichen gesellschaftlichen Wirkung ist die persönliche Einordnung des Autors. Quellenstand: 30. August 2026.