04 · PROCESS
Ein Relaunch beginnt nicht mit Gestaltung
Bevor Farben, Typografie und Oberflächen entstehen, müssen Struktur, Inhalte und technische Grundlagen geklärt sein. Gestaltung ist für mich deshalb nicht der Anfang eines Relaunchs – sondern die sichtbare Konsequenz vieler vorheriger Entscheidungen.
Wenn von einem Website-Relaunch gesprochen wird, entsteht schnell ein bestimmtes Bild.
Die bisherige Seite wirkt nicht mehr zeitgemäß. Also braucht es ein neues Layout, modernere Farben, größere Bilder und vielleicht eine andere Schrift.
All das kann Teil eines Relaunchs sein.
Aber für mich beginnt er an einer anderen Stelle.
Bevor ich darüber nachdenke, wie eine Website aussehen könnte, möchte ich wissen, warum sie überhaupt neu aufgebaut werden soll.
Was funktioniert heute nicht mehr? Welche Informationen fehlen? Welche Inhalte sind überholt? Finden Besucher das, was sie suchen? Ist die Struktur nachvollziehbar? Ist das technische System noch sinnvoll wartbar?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, beginnt für mich Gestaltung.
Die alte Website ist mehr als eine Vorlage
Bei einem Relaunch existiert bereits etwas.
Inhalte, Navigationsstrukturen, Bilder, Funktionen und häufig auch eine über Jahre gewachsene Vorstellung davon, wie die Website sein sollte.
Deshalb schaue ich mir eine bestehende Seite nicht nur unter dem Gesichtspunkt an, was daran alt aussieht.
Mich interessiert vielmehr, warum sie so geworden ist.
Welche Bereiche werden offensichtlich häufig genutzt? Welche Informationen sind wichtig? Welche Seiten existieren möglicherweise nur noch aus historischen Gründen? Wo wurden im Laufe der Jahre Funktionen ergänzt, ohne die Gesamtstruktur anzupassen?
Eine alte Website ist damit zunächst eine Informationsquelle.
Sie zeigt, welche Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen wurden – und häufig auch, an welchen Stellen sich mit der Zeit Probleme angesammelt haben.
Ein Relaunch sollte diese Struktur deshalb nicht einfach schöner nachbauen.
Er ist eine Gelegenheit, sie erneut zu hinterfragen.
Zuerst muss klar sein, für wen die Seite da ist
Eine der einfachsten Fragen ist gleichzeitig eine der wichtigsten:
Wer besucht diese Website – und warum?
Menschen öffnen eine Unternehmensseite in der Regel nicht, um deren Gestaltung zu bewundern. Sie haben ein konkretes Anliegen.
Sie möchten wissen, welche Leistungen angeboten werden. Sie suchen eine Kontaktmöglichkeit. Sie möchten einschätzen können, ob ein Angebot zu ihnen passt. Sie benötigen Öffnungszeiten, Preise, Referenzen oder Informationen über eine Person.
Diese Erwartungen bestimmen für mich die Struktur wesentlich stärker als gestalterische Trends.
Wenn eine wichtige Information erst nach mehreren Ebenen erreichbar ist, löst ein moderneres Layout dieses Problem nicht.
Wenn Besucher nicht verstehen, wie zwei Leistungen voneinander abgegrenzt sind, hilft auch ein schöneres Bild nicht weiter.
Ein Relaunch beginnt deshalb mit Prioritäten.
Was muss sofort verständlich sein? Was darf später kommen? Was ist für die Betreiber der Website wichtig – und was tatsächlich für ihre Besucher?
Struktur kommt vor Oberfläche
Erst danach beschäftige ich mich mit der Architektur der Website.
Welche Hauptseiten werden benötigt? Welche Inhalte gehören zusammen? Was braucht eine eigene Seite und was nicht? Welche Navigation ist auf dem Desktop sinnvoll – und funktioniert dieselbe Logik auch auf einem kleinen Bildschirm?
Diese Entscheidungen wirken zunächst unspektakulär.
Tatsächlich bestimmen sie aber einen großen Teil der späteren Nutzererfahrung.
Eine klare Informationsarchitektur fällt meistens nicht auf.
Genau das ist ihr Vorteil.
Besucher sollten nicht darüber nachdenken müssen, wie eine Website organisiert ist. Sie sollten sich möglichst selbstverständlich darin bewegen können.
Für mich ist das bereits Gestaltung – auch wenn zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch keine einzige Farbe festgelegt wurde.
Eine gute Oberfläche kann eine schlechte Struktur kaschieren. Sie kann sie aber nicht lösen.
Auch Inhalte brauchen einen Relaunch
Ein häufiger Fehler besteht darin, beim Neuaufbau einer Website sämtliche vorhandenen Texte unverändert zu übernehmen.
Technisch entsteht dann eine neue Seite, inhaltlich bleibt jedoch die alte bestehen.
Dabei altern Inhalte mindestens genauso wie Gestaltung.
Angebote verändern sich. Arbeitsweisen entwickeln sich weiter. Ansprechpartner wechseln. Formulierungen, die vor zehn Jahren selbstverständlich wirkten, passen möglicherweise nicht mehr zum heutigen Unternehmen.
Manche Seiten enthalten über Jahre ergänzte Absätze, Wiederholungen oder Informationen, die eigentlich an eine andere Stelle gehören.
Deshalb gehört für mich zu einem Relaunch immer auch die Frage:
Würde man diesen Inhalt heute noch genauso schreiben?
Häufig lautet die Antwort: nein.
Dann sollte die neue Website nicht nur ein neues Gefäß für alte Texte sein.
Inhalt und Struktur sollten gemeinsam neu gedacht werden.
Reduktion ist häufig die schwierigste Arbeit
Im Laufe eines Relaunchs entsteht schnell der Wunsch, möglichst viel zu berücksichtigen.
Jede bestehende Seite soll bleiben. Jede Funktion erscheint wichtig. Jede Information könnte irgendwann jemand benötigen.
So wächst die neue Website bereits während ihrer Planung wieder in dieselbe Richtung wie die alte.
Deshalb besteht ein wesentlicher Teil meiner Arbeit oft nicht darin, neue Dinge hinzuzufügen.
Sondern darin, zu entscheiden, was entfallen kann.
Braucht eine Website wirklich sieben Hauptmenüpunkte? Muss jede Leistung zusätzlich noch auf der Startseite vollständig erklärt werden? Ist ein Kontaktformular notwendig, wenn tatsächlich fast alle Anfragen telefonisch erfolgen?
Reduktion bedeutet dabei nicht, Inhalte künstlich zu verkürzen.
Sie bedeutet, jedem Inhalt einen nachvollziehbaren Zweck zu geben.
Wenn etwas keinen erkennbaren Beitrag zur Nutzung oder Kommunikation der Website leistet, sollte zumindest die Frage erlaubt sein, warum es vorhanden ist.
Das technische Fundament gehört an den Anfang
Auch technische Entscheidungen sollten nicht erst getroffen werden, wenn das Design bereits fertig ist.
Ein Layout existiert später nicht im luftleeren Raum. Es muss innerhalb eines konkreten Systems funktionieren.
Das Content-Management-System, die Template-Struktur, Erweiterungen, Performance, Sicherheit und Wartbarkeit beeinflussen, wie eine Website aufgebaut werden sollte.
Deshalb versuche ich früh zu klären, welche technischen Bestandteile tatsächlich gebraucht werden.
Welche Funktionen liefert das CMS bereits selbst? Welche Erweiterungen sind sinnvoll? Welche Komponenten können individuell und einfacher im Template umgesetzt werden?
Je früher diese Fragen geklärt sind, desto weniger muss die Gestaltung später an technische Einschränkungen angepasst werden.
Und desto geringer ist die Gefahr, dass sich unnötige Abhängigkeiten einschleichen.
Für mich gehören technische Architektur und visuelle Gestaltung deshalb zum selben Prozess.
Erst jetzt wird Gestaltung konkret
Wenn Ziel, Struktur, Inhalte und technische Grundlagen feststehen, beginnt der Teil, den man klassischerweise mit Design verbindet.
Typografie. Farben. Proportionen. Bildsprache. Abstände. Raster. Interaktionen.
Diese Entscheidungen fallen dann allerdings nicht mehr isoliert.
Sie reagieren auf etwas.
Eine wichtige Leistung erhält mehr Raum, weil ihre Bedeutung bereits geklärt wurde. Ein Kontaktbereich wird besonders sichtbar, weil die Nutzerführung darauf ausgerichtet ist. Eine Seite wirkt bewusst ruhig, weil ihre Inhalte Erklärung benötigen und nicht um Aufmerksamkeit konkurrieren sollen.
Gestaltung bekommt dadurch eine Funktion.
Sie übersetzt die zuvor entwickelte Struktur in Wahrnehmung.
Hierarchie wird sichtbar. Beziehungen werden verständlich. Inhalte erhalten Rhythmus.
Genau deshalb finde ich es schwierig, mit Gestaltung zu beginnen, bevor diese Grundlagen vorhanden sind.
Ohne sie muss das Design Entscheidungen treffen, für die noch keine inhaltliche Grundlage existiert.
Ein Relaunch muss nicht alles verändern
Neuaufbau bedeutet für mich übrigens nicht automatisch, alles Bestehende zu verwerfen.
Manche Websites besitzen Elemente, die über Jahre funktioniert haben.
Eine vertraute Navigation. Eine bestimmte Farbwelt. Ein Logo. Eine charakteristische Typografie oder eine Seitenstruktur, die Kunden kennen.
Es gibt keinen Grund, etwas nur deshalb zu ersetzen, weil ein Relaunch stattfindet.
Veränderung sollte für mich begründbar sein.
Manchmal besteht die richtige Lösung deshalb aus einer deutlichen Neuausrichtung.
In anderen Fällen genügt es, vorhandene Strukturen zu bereinigen, technisch neu aufzubauen und gestalterisch präziser zu machen.
Auch Zurückhaltung kann Teil eines Relaunchs sein.
Responsive Design verändert die Planung
Ein weiterer Grund, warum Gestaltung nicht isoliert gedacht werden kann, sind unterschiedliche Bildschirmgrößen.
Eine Website besitzt heute keine einzelne feste Oberfläche.
Sie verändert sich.
Ein großzügiges Desktop-Layout muss auf einem Smartphone verdichtet werden. Eine horizontale Navigation wird zu einem mobilen Menü. Zweispaltige Inhalte stehen plötzlich untereinander.
Dabei reicht es nicht, Elemente lediglich kleiner zu machen.
Prioritäten können sich verändern.
Ein Bild, das auf einem großen Bildschirm Atmosphäre erzeugt, darf mobil nicht dazu führen, dass der eigentliche Inhalt erst nach mehreren Bildschirmhöhen erscheint.
Deshalb entwickle ich responsive Verhalten inzwischen gleichzeitig mit dem eigentlichen Layout.
Nicht als nachträgliche Anpassung.
Sondern als Bestandteil derselben Gestaltung.
Der Go-live ist nicht das eigentliche Ziel
Während eines Relaunchs richtet sich vieles auf einen bestimmten Moment:
Die neue Website geht online.
Technisch ist das natürlich ein wichtiger Meilenstein.
Aber aus meiner Sicht ist er nicht das eigentliche Ziel.
Eine Website soll nicht nur am Tag ihrer Veröffentlichung gut funktionieren.
Sie soll danach zuverlässig weiterbetrieben werden können.
Inhalte müssen aktualisierbar sein. Updates dürfen das System nicht unnötig destabilisieren. Sicherheitsmaßnahmen müssen überprüfbar bleiben. Und auch Monate später sollte nachvollziehbar sein, warum eine bestimmte Struktur gewählt wurde.
Diese langfristige Perspektive beeinflusst bereits die Entscheidungen während des Relaunchs.
Denn eine Website, die beim Launch beeindruckt, aber anschließend kaum wartbar ist, halte ich nicht für erfolgreich gestaltet.
Warum ich deshalb nicht mit Gestaltung beginne
Weil Gestaltung für mich nicht die dekorative Ebene eines Projekts ist.
Sie ist das sichtbare Ergebnis vieler Entscheidungen, die vorher getroffen werden müssen.
Wer soll die Website nutzen?
Was soll dort verstanden werden?
Welche Informationen sind wirklich wichtig?
Welche Struktur unterstützt diese Inhalte?
Welche Technik ist dafür sinnvoll?
Was kann entfallen?
Erst daraus entwickelt sich für mich die visuelle Form.
Ein Relaunch beginnt deshalb nicht mit einer Farbe, einer Schrift oder einem ersten Mockup.
Er beginnt mit dem Versuch, das eigentliche Problem zu verstehen, bevor eine neue Oberfläche dafür entsteht.